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Stephans Klasse applaudierte nach seinem Outing


Nun saß ich da, in einer kleinen Ecke, die in diesem Moment wohl am besten widerspiegelte, wie ich mich fühlte. Hilflos und ängstlich zugleich. Tausende Fragen schossen mir durch den Kopf.

„Soll ich das jetzt wirklich wagen?“...  „Was ist, wenn sie negativ reagiert und es dann sofort in der ganzen Schule publik macht?“. Doch mein Entschluss stand fest. Ein letztes Mal holte ich tief Luft, wollte am liebsten alles um mich herum vergessen und sprach ihn dann doch aus, den einen kurzen Satz, der mein weiteres Leben verändern sollte.

„Ich bin schwul!“. Nur drei kleine Worte mit solch großer Bedeutung. Ein paar Sekunden lang passierte nichts, bis das Schweigen endlich gebrochen wurde. „Ist doch nicht schlimm, wir dachten schon alle es sei etwas viel schlimmeres passiert, du könntest krank sein oder so.“
Hatte ich das gerade eben richtig verstanden? Monatelang malte ich mir die schlimmsten Reaktionen aus und dann sollten sich diese Gedanken als völlig unbegründet erweisen?!

Aber ich fange mal besser ganz vorne an. Nämlich im Jahr 1992, als ich an einem kalten Wintermorgen das Licht der Welt erblickte. Ich bin übrigens der Stephan, zum jetzigen Zeitpunkt 16 Jahre alt und wohne in Kleve am mehr oder weniger schönen Niederrhein.
Aufgewachsen zwischen Feldern und Wiesen machte ich mir in frühster Kindheit wenig Gedanken über Dinge wie die Liebe oder den Sinn des Lebens. Ich führte eben ein ganz normales Leben, ging zum Kindergarten, dann zur Grundschule und wechselte später aufs Gymnasium.

Als ich so langsam in das Alter kam, in dem die eigenen Eltern einen oft mit der Frage belästigen, wann der Junge denn endlich eine Freundin hat, ging mir das mächtig auf den Zeiger. Ich wollte von Mädchen überhaupt nichts wissen und das hat sich bis heute auch nicht geändert. Im Gegenteil. Ich entwickelte ich ein immer ausgeprägteres Interesse für das eigene Geschlecht.

Im alljährlichen Sommerurlaub (da war ich 12) ging es wie jedes Jahr an die Nordsee zu unserem kleinen Appartement. Dort begegnete mir ein Junge, der mich bereits mit dem ersten Blick in seinen Bann gezogen hatte. Längere blonde Haare, schlanke Statur und ein Lächeln, das mich in ferne Traumwelten schweben ließ. Doch zugleich weckte dies auch ein anderes Gefühl in mir, denn er war eben ein Junge und kein Mädchen, warum also hatte ich mich in ihn verliebt. Der Gedanke, ich könne vielleicht schwul oder bisexuell sein, machte mir etwas Angst und überforderte mich maßlos.

Ich fragte mich, warum ausgerechnet ich anders sein sollte als alle anderen, ob es überhaupt Schwule außer mir in meinem Umfeld gab, denn ich kannte keinen persönlich.
Mit all diesen Sorgen und Ängsten stand ich alleine da, mit wem hätte ich auch drüber reden sollen, mein Leben war fortan ein einziges Chaos.

In den folgenden zwei Jahren erlebte ich dann mein inneres Coming-Out, ich lernte nach und nach meine Homosexualität als Teil meiner Persönlichkeit zu akzeptieren, setzte mich mehr und mehr damit auseinander und suchte erste Kontakte mit Gleichgesinnten. Das Internet war mir dabei immer eine sehr große Hilfe. Hier las ich auf Seiten wie Gayhelp.de auch viele Geschichten von anderen Jungs, die ihren eigenen Weg schon gegangen waren.
Doch auch die vielen positiven Berichte konnten meine Sorgen nicht beschwichtigen. Vielleicht würde von meinen Freunden keiner mehr mit mir reden, was würden meine Eltern sagen, wenn ich ihnen einen Schwiegersohn und eben keine Schwiegertochter vorstellen würde?
Fragen über Fragen, die ich alle nur klären konnte, wenn ich mich endlich outete und zu mir und meiner Vorliebe für Jungs stünde.

Im April 2006 sollte ich dieser Aufgabe dann endlich gewachsen sein. Ich konnte innerlich dieses große Geheimnis nicht länger mit mir rumtragen. Seit einer Woche brachte ich keine Konzentration in der Schule mehr auf, lag nächtelang wach in meinem Bett und dann passierte es an einem langen Schultag in der Mittagspause. [...]

Nachdem ich mich zuerst einer Freundin „geöffnet“ hatte und diese, wie bereits erzählt, sehr positiv reagierte, mir sogar noch Mut zusprach, meine anderen Freunde hätten sicher auch kein Problem damit, fasste ich wenige Tage danach erneut allen Mut zusammen und vertraute es auch meinem besten Freund in einer ruhigen Minute an. Mit dem selben erfreulichen Resultat. Danach drehte sich die Welt weiter, so als sei nie etwas geschehen.

Nunja, dann verstrichen erstmal einige Wochen, in denen sich durch den Rückhalt und die zugesicherte Unterstützung meiner besten Freunde mein Ego enorm entfaltete und ich immer mehr Leuten von meiner Homosexualität erzählte. Mitlerweile war das „Geheimnis“ auch kein richtiges mehr, denn solch eine heiße Nachricht spricht sich eben sehr schnell rum.
Um trotzdem jegliche Gerüchte aus der Welt zu schaffen, wollte ich mich vor meiner gesamten Klasse outen, oder hab besser gesagt darum gebeten mich outen zu lassen. Am letzten Tag vor den Sommerferien war es soweit. Das nächste Schuljahr sollte einen Neubeginn darstellen, ich wollte die ganze schwierige Zeit hinter mir lassen.
Versteinert und am ganzen Körper zitternd saß ich auf meinem Stuhl, als der Satz der Sätze fiel. Als Reaktion bekam ich kurzen Applaus und ein paar erstaunte Gesichter.
Nach dem Unterricht kamen ein paar Leute zu mir um zu sagen, wie mutig sie das fanden und mit dem mittlerweile üblichen Satz, es sei doch überhaupt kein Problem. Meine Klasse hatte zum Glück schon immer einen super Zusammenhalt, bei uns wurde nie jemand gemobbt. Wir sind unter den Lehrern bekannt als die lauteste aber auch sozialste Klasse.

Meine Eltern waren dann in den Ferien die Letzten, die davon erfahren sollten. Ich hatte vorher einfach nicht das Bedürfnis es ihnen mitzuteilen, auch wenn ich aus sehr tolerantem Hause stamme und aus Gesprächen über die Thematik allgemein schon sicher war, dass es kein Problem für sie sein würde.
Etwas überrascht war meine Mutter schon, als ich es ihr eines Abends auf der Terrasse im heimischen Garten erzählte, hatte sie damit doch nicht gerechnet, aber es dauerte nicht lange bis ich ihr klar gemacht hatte, dass es eben nicht nur eine Phase ist, sondern ich mein restliches Leben so verbringen will.

Soweit... Eine Menge Lebenserfahrung habe ich in der Zeit meines Outings gesammelt.

Viele Leute, die das Wort „schwul“ als Schimpfwort missbrauchen, meinen es oft gar nicht negativ gegen gleichgeschlechtlich liebende Männer gerichtet, sondern benutzen es nur als Synonym für ein abwertendes Adjektiv.
Auch Personen, die früher extrem homophob waren, konnte ich durch mein „normales“ Auftreten davon überzeugen, dass nicht alle Schwule mit zwei gebrochenen Handgelenken und rosa Täschchen durch die Gegend rennen. Und diese Menschen gehören heute zu meinen besten Freunden. Wir reden ganz offen über das Thema und es ist überhaupt kein Tabu mehr. Genauso ist es zu Hause, zudem darf ich meinen Freund mitbringen und der darf dann sogar bei uns übernachten.

Ich kann daher nur allen, die diesen Text lesen und mit dem Gedanken spielen sich zu outen, Mut machen. Zwar wird nicht jeder solch großes Glück haben ein Bilderbuchouting wie meines zu erleben, aber das wichtigste im Leben ist, dass man sich selbst nicht verleugnet und lernt sich so zu akzeptieren, wie man ist. Das ist die Basis des Glücks.
Und alle Freunde, die damit auf Dauer nicht klarkommen, sind es nicht Wert eure Freunde zu sein.



Artikel erstellt am 29.03.2008 von Benedikt
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