
Mit 15 hatte ich meinen ersten Freier
Weit mehr als leicht verdientes Geld
Mit fünfzehn, also vor gerade einmal drei Jahren, kam er in den Ferien abends von der Arbeit nach Hause. Den ganzen Tag hatte er schon ein ungutes Gefühl, weil er seine
Mutter telefonisch nicht erreichen konnte. Wie sehr dieser Abend sein Leben verändern würde, war ihm nicht bewusst. Es war still in der Wohnung – merkwürdig still. Im Wohnzimmer machte er dann die grausige Entdeckung: Seine Mutter lag auf dem Boden, leblos – gestorben an einer Überdosis Drogen, welche man ihr in ein Getränk gekippt hatte.
Plötzlich war der Teenager auf sich allein gestellt, ohne die Mutter die sich immer um ihn bemühte, ohne das gewohnt sichere Gefühl ein Zuhause zu haben. Sein Vater war ohnehin schon lange weg, genau wie sein älterer Bruder – der Kontakt zwischen den übrigen Familienmitgliedern beschränkte sich auf die Festtage um Weihnachten herum. Nicht einmal seine Großmutter nahm ihn bei sich auf.
Mit fünfzehn, mitten in der Pubertät, allein mit der Trauer um seine Mutter, geriet Chris' Leben zunehmend aus den Fugen. Im Internet stieß er auf Datingseiten, auf denen er angesprochen wurde, ob er sich „nicht mal ein paar Euro verdienen wolle“. Man könne sich ja mal treffen, ein bisschen was machen.... Ein Geschäft auf das sich Chris schnell einließ - als Heimkind konnte er das Geld ziemlich gut gebrauchen, nicht zuletzt um das Grab seiner Mutter mit Blumen zu schmücken. Nach dem ersten Treffen ging es schnell mit anderen Männern weiter, die ihn für den Sex bezahlten.
Mehr als zwei Jahre machte Chris diesen Job - mit fremden, fast immer sehr viel älteren Männern ins Bett gehen, sie „möglichst schnell zum Schuss bringen“, damit vielleicht noch ein weiterer abgearbeitet werden konnte - wieder ein paar Euro in der Tasche... Chris konnte mit dieser Lebenssituation verhältnismäßig gut umgehen: Klar, zunächst war es einfach nur das schnelle, leicht verdiente Geld – so dachte er zumindest am Anfang. Wo sonst geht das Geld verdienen so schnell?! Doch die „Arbeit“ stellte sich zunehmend alles andere als
einfach dar. Auch die automatisch aufgebaute Gefühls-Mauer, die die sexuelle Dienstleistung, die er an den Männern vollbrachte, einfach nur als einen mechanischen Vorgang erscheinen ließ, konnte nicht verhindern das nach so manchem Freier der Ekel nach dem Sex ersteinmal mit ein paar Schnäpsen heruntergespült wurde. Überhaupt, Ablenkung von dem eigentlichen Job stand bei ihm hoch im Kurs. Ablenkung verspracen Glücksspielautomaten, die dafür sorgten, dass er das verdiente Geld sehr schnell wieder los war. Heute bezeichnet er sich als Spielsüchtig.
"Es hat mich sehr verändert" erzählt er, "die Gefühle für andere Menschen stumpfen einfach komplett ab." Sex war für ihn nur noch eine Dienstleistung, eine Ware die man jemandem gab und dafür das Geld kassierte - mehr nicht. Kuscheln, küssen, einen Menschen in den Arm zu nehmen - all das wurde für ihn zu einem reinen Geschäft. Die Gefühlskälte ist rückblickend mit der größte Schaden, die ihm der Job eingebracht hat. Vertrauen, Zuneigung und das echte Bedürfnis nach Nähe, all dies muss er heute mühsam wieder erlernen. "Ich hab mich dumm und dämlich verdient - es war okay so", so denkt er heute. Aber dennoch - die Spielsucht ist geblieben, sich eine solide Lebensbasis aufzubauen ist schwer. Zu sehr fehlt das schnell verdiente Geld, grade wenn im Portemonnaie gerade einmal wieder Ebbe ist. Chris hat den Absprung geschafft, ist raus aus der Stricherszene, hat mit diesem Teil seines Lebens für sich abgeschlossen - zumindest für den Augenblick...
Artikel erstellt am 02.01.2008 von Benedikt
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