
Ein Coming-Out hört niemals auf
"Es war aufregend und total neu für mich"

Die Neugier wuchs und so suchte ich im Internet nach Antworten auf meine Fragen. Ich stieß auf diverse Gaycommunities, bei denen ich mich rein interessehalber auch anmeldete. Ich hab derbst gestaunt, als ich bemerkte, wie viel Schwule es in meiner Region gibt. Nach ein bisschen Sucherei fand ich einen, der ganz nett aussah, so alt war wie ich und so beschloss ich, mich mit ihm zu treffen. Als wir dann nebeneinander im Auto saßen und keiner so recht wusste, was er sagen soll, nahm er seinen Mut zusammen und küsste mich. Mir wurde warm und kalt, es war aufregend und total neu für mich! Gefiel mir das? Ich brauchte nicht lange, um die Antwort zu finden – Ja! Wir machten weiter, und so erlebte ich eine hammergeile Nacht auf einem abgelegenen Parkplatz in meinem Auto. Ab da wars klar – du bist schwul!
Ich wusste, dass ich das nicht ewig mit mir rumtragen kann. Die Leute,
die mir nahe waren, hatten ein Recht darauf, es zu erfahren. Auf den Mund gefallen war ich noch nie, also fing ich vorsichtig an, mich bei den engsten Freunden zu outen. Alles problemlos, keiner hatte was zu meckern, Gott sei Dank, denn dann hätte ich anfangen müssen, all den Leuten, die das anpisst, die Freundschaft zu kündigen. Irgendwann folgte dann auch meine Familie, bei meinem ältesten Bruder (25) fing ich an. Der lachte nur und freute sich, weil (Achtung, Zitat!) „ihm ja jetzt endlich alle Frauen gehören!“ Früher zogen wir oft gemeinsam durch die Clubs und schleppten die Mädels ab, einfach, weil es Spaß machte. Das hatte sich damit dann erübrigt. Es wussten immer mehr Leute und ich bewunderte, wie gut sie damit zurecht kamen und wie offen sie damit umgingen. Sicher waren Leute dabei, die sich hinter meinem Rücken das Maul zerrissen haben, aber die gibt es nun mal überall. Meiner Mum beichtete ich es dann auch bald, und obwohl sie mir schwörte, es keinem zu erzählen, wusste es ein paar Wochen auch mein Dad, der insgeheim aber hoffte, dass es nur eine Phase wäre. Scheiße wars! Als letzter erfuhr es dann mein anderer Bruder, der echt sauer war, weil’s ihm keiner gesagt hat. Alles in allem kann ich tatsächlich nur positive Dinge mit meinem Outing verbinden, worüber ich ziemlich glücklich bin.
Das ist nun alles 1-2 Jahre her. Heute gehe ich selbstbewusster als früher durchs Leben, weil ich endlich weiß wer ich bin und ich weiß, was ich will und was ich brauche.
Allerdings sollte noch gesagt sein, dass ein Coming-Out nie aufhört. Diese Last wird einem nicht genommen. Man lernt immer wieder neue Leute kennen, die einem so wichtig sind, dass sie verdienen, die Wahrheit zu erfahren. Immer wieder wird man auf Abneigung stoßen, immer wieder muss man die gleichen Fragen beantworten. So ist das nun mal, da müssen wir Schwuchteln eben durch.
Artikel erstellt am 01.01.2008 von Benedikt
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